Holzgerlingen erfindet sein Stadtfest neu

Aus der Kreiszeitung/Böblinger Bote vom 23.07.2019

Anmeldungen für das Seifenkistenrennen im Sommer nächstes Jahr nehmen Fahrt auf – 300 ehrenamtliche Helfer sind am Start

So etwas hat Holzgerlingen seit 30 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn im Sommer nächstes Jahr – also am Wochenende 25./26. Juli 2020 – das große Stadtfest über die Bühne geht, dann wird auch das legendäre Seifenkistenrennen in der Böblinger Straße wiederaufleben. Das gab es zuletzt Ende der 80er-Jahre.

Teile des Orga-Teams des Schönbuch-Kisten-Cups im Foyer im Rathaus

HOLZGERLINGEN. Seifenkiste neben Seifenkiste wird dann die Böblinger Straße hinunterbrettern zwischen dem Startpunkt beim Rektor-Franke-Haus und der Ziellinie bei der Klemmert/Bahnhofstraße. Hinunterbrettern? So groß ist das Gefälle auf der Pi mal Daumen 250 Meter langen Strecke nun ja auch nicht, mögen Ortskundige sofort einwenden. Stimmt. Aber die Pistenhaie werden nichtsdestotrotz mit Jenseitskaracho die weiträumig abgesperrte Hauptverkehrsstraße Holzgerlingens hinunterflitzen. Denn ehe es losgeht, werden die Rennschlitten über eine Hebebühne auf eine drei Meter hohe Abschussrampe geliftet. „Wer da runterfährt, der braucht richtig viel Mumm“, meint Bürgermeister Ioannis Delakos.

Das Holzgerlinger Stadtfest 2020 soll in einem ganz neuen Format über die Bühne gehen. Und der „Schönbuch-Kisten-Cup“ wird mit Vorläufen am Samstag und den K.o.-Rennen am Sonntag das zentrale Ereignis an beiden Festtagen sein. Gefahren wird ausschließlich in der Juniorklasse, was bedeutet, dass die Piloten zwischen acht und zwölf Jahre alt sein müssen – nicht älter und nicht jünger. Sie sitzen dann am Steuer von selbstgebauten Rennkisten, die beispielsweise die Vereine, die Kirchen, die Schulen, Unternehmen, Freundeskreise aller Altersklassen oder auch die Holzgerlinger Partnerstädte zusammengezimmert haben. Die Crew für jede einzelne Seifenkiste ist vier Mann oder vier Frau stark – wobei mindestens zwei davon volljährig sein müssen.

Prämiert werden nach den beiden Renntagen aber nicht nur die schnellsten Flitzer – die dann mit den Startnummern 1 bis 3 beim übernächsten Rennen ihre Titel verteidigen werden; Preise winken auch den originellsten und schönsten dieser Seifenkisten. Und Bürgermeister Delakos denkt zudem daran, selbst in eine dieser Höllenkisten zu steigen – beispielsweise in einem Spaßrennen gegen die Bürgermeister der Partnerstädte: „Ich finde schon ’ne passende Kiste.“

Ein besonders schönes Schmuckstück von Seifenkiste befindet sich zurzeit im Foyer des Holzgerlinger Rathauses. Es stammt vom Kraftfahrverein KFV Kalteneck aus dem Jahr 1974, als in Holzgerlingen erstmals ein solches Rennen über die Bühne ging. Allerdings ist dieser Oldtimer nicht mehr fahrtauglich – „der entspricht sicher nicht mehr den verschärften Sicherheitsvorschriften, die heute gelten und anzuwenden sind“, so Delakos. So darf der Lenkereinschlag beispielsweise einen bestimmten Winkel nicht überschreiten, damit sich die Kiste auch ja nicht überschlägt. Der Bremsdruck muss stimmen und das Gesamtgewicht – inklusive Pilotin oder Pilot – darf 90 Kilogramm nicht überschreiten.

Prinzipiell steht jedem Team oder Verein frei, seine eigene Kiste zu bauen. Die muss freilich den strengen Augen der Holzgerlinger TÜV-Abnahme genügen. Um den schwierigen Anforderungskatalog erfüllen zu können, hat sich die Stadt Holzgerlingen deshalb mit dem Seifenkistenverband Baden-Württemberg ins Benehmen gesetzt. Vorsorglich werden dort Bausätze bestellt und an interessierte Teilnehmerteams weiterverkauft – hölzerne Karosserieteile genauso wie Achsen, Reifen, Lenkung und Bremsen. Einen dieser Bausätze hat der KFV schon mal zusammengepfriemelt – und ist auf den Geschmack gekommen. Drei weitere Kisten haben die Vereinsfreunde bereits in der Mache. Sogar eine eigene Karosseriesäge haben sie dafür entwickelt – Werkzeug und Knowhow, das sie gerne an andere Vereine oder Schulen weitergeben, wenn die sich an den Bau ihrer Kisten heranwagen. Hand in Hand anpacken, statt sich gegenseitig Konkurrenz machen

Und genau dies ist die zentrale Idee hinter dem neuem Format des Stadtfestes – dass Bürger und Vereinsleute miteinander ins Gespräch kommen, die sich sonst nicht oder kaum kennen. Das soll auch dadurch gelingen, dass die Stadt ein festes Benefit-Budget zugunsten der Vereine und Organisatoren zur Verfügung stellen wird, wobei die Stadt selbst das finanzielle Risiko trägt. Kommen die Kosten am Ende wieder herein, können per Gemeinderatsbeschluss bis zu 30 000 Euro an all diejenigen ausgeschüttet und verteilt werden, die sich beim Stadtfest engagiert und mitgeholfen haben. Stellen die Vereine neben Personal noch Equipment zur Verfügung, soll auch hierfür ein bestimmter Vergütungsschlüssel gefunden werden.

„Wir wollen die Identifikation mit Holzgerlingen stärken“, sagt Delakos, „und Leute zusammenbringen, sie sonst vielleicht nicht viel miteinander zu tun haben.“ Idealerweise findet sich dann der Repräsentant vom Harmonikaverein neben dem Turner beim Würstlesverkauf und der Schachspieler neben Feuerwehrmann als Streckenposten am Pistenrand: Statt sich gegenseitig Konkurrenz zu machen, geht es um das Arbeiten Hand in Hand – über alle Organisationen hinweg. Damit nicht genug wird es zwei Musikbühnen beim Rathaus und beim Bloo, ein Kinder- und Familienfest im Stadtpark, eventuell eine Jugend-Disco oder auch eine Weinlaube für Senioren geben.

Dass es sich bei alledem um ein Erfolgsmodell handeln dürfte, zeigt der Pool an ehrenamtlichen Mitarbeitern, der sich schon heute, ein Jahr vor dem eigentlichen Ereignis, gebildet hat: 300 Helferinnen und Helfer sind momentan am Start. Ein gutes Dutzend von ihnen bildet den harten Kern des Organisationsteams. Neben Jan Stäbler, Kathrin Speidel und Nicole Jassmann von der Stadt sind das die beiden Vorsitzenden vom Handels- und Gewerbeverein, Alex Stamm und Martin Weisbach. Sie rühren zurzeit eifrig die Werbetrommel, um Firmen zu finden, die als Sponsoren für die Seifenkisten in Erscheinung treten. Im Gegenzug könnten deren Firmenemblem dann die Rennschlitten zieren. „Gelb-Drieselmann gegen Blau-Stribick beispielsweise, das wäre doch was“, meint Delakos: Oder eben die Wanner-Brezel vom Team Realschule gegen die Binder-Brezel vom Schönbuch-Gymnasium – der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Klar ist, dass das Stadtfest samt Schönbuch-Kisten-Cup zum wiederkehrenden Ereignis im Holzgerlinger Kalendarium werden soll. Ob es bereits 2021 oder im Zwei-Jahres-Turnus erst 2022 eine Neuauflage geben wird, ist zur Stunde ungewiss. „Am liebsten jährlich“, sagt Delakos. „Das hängt aber davon ab, ob die Vereine jedes Jahr diesen großen Aufwand leisten können.“

Text/Bild: Martin Müller